Wasser nur dem Sohn

Wasser nur dem Sohn

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Es war einmal ein bescheidener Bauersmann, der lebte in einem kleinen Dorf in der heutigen Chiba-Präfektur. Er war ein einfacher, aber fleißiger Mann, der Tag ein, Tag aus, nichts weiter tat als zu arbeiten. Wenn das Wetter es erlaubte, bestellte er seine Reisfelder und Gemüsebeete und brachte einen Teil der hart erarbeiteten Ernte in die nächstgelegene Stadt, um sie dort zu verkaufen. Auf diese Weise verdiente er gerade genug für seine Frau und seine Kinder, um ein schlichtes Leben zu führen. In seinen jungen Tagen klagte der gute Mann auch nie darüber, doch Jahr um Jahr wurden die Glieder schwerer.

»Oh weh, ich bin so müde, und die Knochen knirschen als wäre Sand dazwischen. Wie gut jetzt eine Schale Sake täte, als kleinen Lohn für die schwere Arbeit.« Doch für teuren Sake war kein Geld übrig, also machte sich der alte Bauer auf den Heimweg, erschöpft und schicksalsergeben. Die schwere Hacke auf der Schulter schleppte er sich den grasgesäumten Pfad entlang, da kam ihm eine gute Idee. »Ich kann mir vielleicht keinen Sake leisten, aber im Iwaya entspringt eine Quelle mit herrlichem Wasser. Da will ich hingehen.«

Das Iwaya, wie die Menschen aus der Gegend den Ort nannten, war eine große natürliche Felshöhle. Der Eingangsbereich war so weitläufig wie ein Ballsaal, und weiter nach hinten war sie so tief und unergründlich, dass man sagte, sie würde sich bis zum Ryūgūjō unterm Meer erstrecken. Nicht, dass man je einen der Bewohner hineingehen oder herauskommen sah, doch wurde diesen viel Gutmütigkeit zugesprochen. Am Eingang der Höhle stand ein großer flacher Felsen, gerade wie ein Tisch. Wer Anlässe zu feiern hatte, pflegte eine Bitte in das Iwaya zu sprechen: »Bitte verzeiht die Umstände aber wir wollen am fünften Tag dieses Monats eine Hochzeit feiern und uns fehlt Geschirr für die Gäste. Könnten wir uns wohl Teller und Schüsseln ausleihen, für fünfzehn Mann?« Kam der Bittsteller am Tag davor zum Iwaya, stand dort auf diesem Felstisch, worum er gebeten hatte. Die Dorfleute liehen sich das Geschirr dankbar aus, und gaben es am Tag nach der Feier gereinigt und mit einer Danksagung wieder zurück.

Zu diesem Iwaya kam unser gutmütige, alte Bauersmann und klatschte respektvoll vor der Höhle in die Hände.

»Ich bin so müde von der Arbeit, darum bitte ich um eine Schale vom frischen Quellwasser. Vielen Dank.« Dann verbeugte er sich noch ein mal und ließ sich mit seiner simplen Holzschale bei der Quelle nieder. »Wenn das Wasser aus dem Ryūgūjō bis ganz hier her fließt, wird es mir sicherlich auch gut tun!« Voller Vorfreude schöpfte er sein Schälchen voll und nahm den ersten Schluck. Das klare Wasser war süß und erfrischend kalt, ja es schien die Müdigkeit einfach davonzuspülen. »Ah, gesegnet sei’s, wie gut das Wasser tut. Gesegnet sei das Iwaya

Als er nun aber zum zweiten Schluck ansetzte, stieg ihm plötzlich der verführerische Duft von Sake in die Nase.

»Was ist denn los mit mir? Habe ich zu sehr an Sake gedacht, dass ich mir den Geruch einbilde?« Verwundert den Kopf von einer Seite zur anderen neigend nahm er den nächsten Schluck und sprang gleich auf, als hätte ihn etwas ins Hinterteil gekniffen. »Nein, das Ist Sake! Aus dem Wasser ist Sake geworden!«

Ab diesem Tag freute sich der alte Mann jeden Morgen schon auf den Abend. Ob ihm das Kreuz vom Reispflanzen schmerzte oder der Rücken spannte von den schweren Lasten – die Vorfreude auf das Schälchen Sake nach getaner Arbeit ließ die Kraft wieder in die Glieder zurückkehren. Wenn die Sonne unterging, machte er den Umweg zum Iwaya für den kleinen Luxus, ganz für sich allein und immer nur ein einziges Schälchen. Danach kehrte er dankbar und gutgelaunt zu seiner Familie zurück. Der einzige, der sich wunderte, war sein Sohn.

»Nicht einen Yen haben wir im Haus, wovon geht Vater täglich Sake trinken?« Eines Tages beschloss er, dem Vater nachzustellen, und beobachtete ihn am Iwaya. Als er fort war, ging er selbst zur Quelle und probierte davon, und wusste nicht, ob er sich freuen oder ärgern sollte.

»Was trinkt mein Alter täglich so guten Sake und sagt nichts davon! Du wirst schon sehen, ich werd’s verkaufen und viel Geld damit machen!« Er holte sogleich ein großes Fass, schöpfte ihn voll und machte sich noch vor der Morgendämmerung auf den Weg in die Stadt. Auf dem Markt machte er sich bereit auszuschenken, doch als er noch mal probierte, bevor er den ersten Kunden bediente, war aus dem Sake wieder gewöhnliches Wasser geworden. Voller Scham musste der Sohn nach Hause zurückkehren. Wie das Geschehene weitergetragen wurde, kann niemand sagen, doch irgendwann entstand in der Region sogar ein Lied darüber:

Seht es gibt der Brunnen drei

die im Iwaya steh’n

Dem Vater schenkt es Sake ein,

Wasser nur dem Sohn

Das Iwaya unterdessen spendete nach dieser Tat keinen Sake mehr, und mit der Zeit, als gierige Leute geliehenes Geschirr nicht zurückbrachten und den Respekt und die Dankbarkeit verloren, hörte es gänzlich auf, auf Bitten zu antworten.

Nachwort von Megumi

Das Iwaya aus dieser Geschichte ist ein wunderbares Beispiel für den Shinto-Glauben, wie er gelebt wird und wurde. Shinto verehrt Naturgötter und Geistwesen, deren Manifestationen in Naturphänomenen wie besonderen Orten, eindrucksvollen Bäumen oder wiederkehrenden Naturereignissen gesehen werden. Man ehrt und respektiert sie, aber man spricht auch zu ihnen wie eine anwesende Person, wendet sich mit kleinen und großen Bitten an sie wie Erfolg in der anstehenden Prüfung oder eine sichere Geburt. Häufig enden die Beziehungen dadurch, dass der Mensch eine Grenze überschreitet oder sich respektlos verhält, so dass die Gottheit oder das Geistwesen wieder zurückzieht. Ich denke, die Personifizierung von Dingen dieser Art spielt stark in die japanische Kultur hinein, die auch Objekte respektvoll behandelt, so dass man sich automatisch häufiger rücksichtsvoller und achtsamer verhält, selbst wenn das »Gegenüber« sich nicht beschwert.

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