Der verbotene Schrein

Der verbotene Schrein

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Hi, ich bin Takashi. Seit einiger Zeit lebe ich in einer mittelgroßen Stadt, aber das war nicht immer so. Meine Kindheit habe ich komplett auf dem Land verbracht – so richtig, richtig auf dem Land. Ihr wisst schon, mit nichts drumrum und nichts zu tun in der Nähe.

Als Kind hatte ich es lustig gefunden. Aber je jünger man ist, umso spannender kann man wirklich jeden Kleinkram finden. In der Mittelschule wurde mir alles schon zu langweilig. Vor allem weil auch echt wenige in meinem Alter waren. Gefühlt bestand das ganze Dorf nur aus alten Menschen.

Immerhin gab es einen Schrein, aber selbst der war bei näherer Betrachtung dröge. Dazu lag er mitten im Wald, und hier war es selbst bei Tag duster und jagte mir Schauer über den Rücken. Zum Schrein sei noch erwähnt: Im Grunde bestand er nur aus einem Haufen Steine mit einem Shimenawa dran. Ein weiterer, größerer Stein lag in der Nähe, ebenfalls mit einem Shimenawa gesichert, auf dem angeblich der Handabdruck eines Gottes zu sehen sein sollte. Es handelte sich hierbei um eine Hand mit sieben Fingern.

Etwas dahinter fand sich das heruntergekommene Schreingebäude, nicht sonderlich groß oder sonst wie besonders – es sei denn man ließ »besonders gruselig« gelten. Eine alte rostige, rote Schaukel stand ebenfalls auf dem Gelände, die immer mal im Wind schaukelte und unheimlich quietschte. Das machte die Atmosphäre nur umso schlimmer. Also eindeutig kein Ort, an dem man sich gerne aufhielt.

Entsprechend war bereits ab 18 Uhr der Zutritt verboten und diejenigen, die in der Nähe wohnten, durften nach dieser Uhrzeit nicht einmal das Haus verlassen.

Meine Eltern hatten mir früh schon untersagt, überhaupt zum Schrein zu gehen, und einige Zeit hatte ich mich auch brav daran gehalten – bis zur Pubertät.

Ich wollte vor meinen Freunden angeben und schlich mich daher nachts aus dem Haus. Es muss so gegen ein Uhr gewesen sein. Ich wollte nur mal eben zum Schrein und ein Foto machen. Hätte ich es mal lieber gelassen.

Kaum dort angekommen blieb ich wie angewurzelt stehen. Bei Nacht war es dermaßen gruselig hier. Irgendwie hatte ich es gar nicht so in Erinnerung. An der Seite knarzte die Schaukel vor sich hin und mitten auf dem Platz vor mir lag ein Kinderschuh. Er sah so kaputt aus, dass er schon Jahre hier liegen musste.

Ich hätte umkehren sollen, doch etwas hielt mich auch wie gefangen. Magisch zog es mich einfach weiter. Während ich über das Gelände ging, hörte ich immer noch das Quietschen der Schaukel. Mir stellten sich die Haare dermaßen zu Berge, dass ich mich fünf Zentimeter größer fühlte, half nur nicht mir mehr Mut zu machen.

Ich kam zur Spendenbox, die schon halb verrottet war. Daneben lehnte ein altes, japanisches Schwert, warum weiß ich bis heute nicht. Ich erinnere mich nur, dass es mich absolut verunsichert hatte.

Dann fing meine Taschenlampe an zu flackern. Mit der Hand klopfte ich ein paar Mal dagegen, um sie wieder in Gang zu bekommen. Doch da fielen auch die Lichter im Nachbarhaus plötzlich aus. Normalerweise ließen die Leute immer die Lampen an, weil sie die Dunkelheit hier nicht mochten.

Jetzt stand ich da. Vollkommen allein und neben mir nur das Gautschen der quietschenden Schaukel. Das war nun doch zu viel. Ich drehte mich um und wollte vom Gelände runter, kam jedoch nicht weit.

Vor mir am Torii erhob sich eine schwarze Gestalt, von der nur das Gebiss sichtbar leuchtete, als sie mir zu grinste. Sie bewegte sich. Langsam kam sie in meine Richtung und ich hörte ein Geräusch, als würde sie etwas hinter sich herziehen.

Mein Körper erstarrte. Nicht einen Muskel konnte ich rühren und musste zusehen, wie sie näher und näher heran schlurfte. Dann war sie direkt vor mir, starrte mich aus blutunterlaufenen Augen an und flüsterte: »Hab dich gefunden.«

Mit einem Schrei wachte ich auf und … lag in meinem Bett. Um mich herum standen meine Eltern, Nachbarn und mein Großvater schimpfte. Sie schienen wütend, aber auch erleichtert? Ich konnte mir nicht erklären warum. Verpeilte jedoch nachzufragen. Kein Wunder eigentlich, denn mir steckte der Schrecken immer noch tief in den Knochen.

Es vergingen einige Tage und ich half meiner Mutter beim Aufräumen des Schuppens. Wir hatten eine Menge Kram und brauchten mehrere Tage, um alles durchzusortieren. Und da fiel er mir auf: ein Kinderschuh. Nicht irgendeiner, sondern eindeutig der, den ich in dieser schrecklichen Nacht auf dem Schreingelände gesehen hatte.

Mir lief es eiskalt den Rücken runter. Ich nahm den Kinderschuh und fragte nun doch bei meiner Mutter nach.

Sie seufzte, aber gestand mir, dass ich als Kind schon einmal ausgebüchst war und zum Schrein gelaufen. Ein kleiner Moment der Unachtsamkeit hatte gereicht und ich war einfach auf und davon gewesen, hatte meiner Mutter einen riesigen Schreck eingejagt, dass sie sofort losgelaufen war, mich zu suchen. Auf dem Schreingelände hatte sie auch nachgesehen, aber nur eine schwingende Schaukel gefunden. Das ganze Dorf war wohl in Aufruhr gewesen und sie hatten eine Priesterin aufgesucht. Diese hatte einen Zauber gesprochen und tatsächlich tauchte ich am nächsten Tag bewusstlos mit nur einem Schuh vor meinem Elternhaus auf.

Die Priesterin hatte damals noch gesagt, dass es mich wohl mag und dass ich niemals wieder zum Schrein gehen durfte. Einmal hatte ich zurückgerufen werden können, aber ein weiteres Mal würde es nicht funktionieren.

Ich schlug die Geschichte des Schreins direkt nach und erfuhr, er gehörte einer Gottheit, der man früher Kinder geopfert hatte. Und bis heut verschwinden dort Kinder, die »gemocht werden«.

Nie wieder werde ich auch nur einen Fuß dorthin setzen.

 

Nachwort von Ellen

Shimenawa findet man überall in Japan. Es handelt sich hierbei um ein Symbol aus dem Shintō, und ähnlich wie das Torii nutzt man das sogenannte »Götterseil« um die Welt der Götter (Kami) von der diesseitigen Welt der Menschen zu trennen. Gefertigt werden sie meistens aus Reisstroh, und können sich in Details im Design unterscheiden. Manche weisen so auch die bekannten weißen Papierstreifen in Zickzackform auf (Shide), die man ins Seil einflicht.

Da der Zweck dem der Torii gleicht, finden sich beide häufig zusammen. Aber das ist nicht der einzige Ort, an dem man die Seile nutzt: Sie hängen ebenfalls an Mikoshi (kleinen Schreinen, die auf Sänften durch die Gassen bei Festen getragen werden), säumen auch die Straßen, durch die die Tour geht, sind an Gürteln hochrangiger Sumoringer eingeflochten oder um große, alte Bäume, besondere Felsen und Statuen geschlungen. Sie werden überall darum gebunden, wo sie die Anwesenheit von Göttern symbolisieren.

Ein Shimenawa kann jedoch auch etwas gewissermaßen bannen oder festhalten. So beispielsweise bei einem bekannten Lavafels dem Sesshōseki, der sich in Nasu in der Präfektur Tochigi befindet. Übersetzt bedeutet es so viel wie Todesstein und der Sage nach wurde eine Fuchsdämonin in eben diesen verbannt – oder ihr Körper wurde zu diesem Stein, die Geschichten variieren. Seither findet sich jedoch auch um diesen Sesshōseki eines der Götterseile.

Zumindest bis März 2022. Denn der Stein zerbrach und mit ihm wurde das Shimenawa beschädigt. Viele sind sich sicher, dass damit auch der Dämon wieder aus dem Stein entlassen ist und die Fuchsfrau Tamamo no Mae jetzt erneut ihr Unwesen auf der Welt treiben wird.

Daher seid immer schön vorsichtig, wenn ihr ein solches Seil entdeckt, denn manche Grenzen sollte man nicht überschreiten.

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