Die Fuchsbraut

Die Fuchsbraut

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Einst lebte in einem kleinen Dorf in den Bergen ein junger Mann namens Narinobu. Schon früh hatte ihn ein schweres Schicksal getroffen, als er Vater und Mutter verloren hatte. Seither bewohnte er allein das Elternhaus und bestellte die Felder.

Narinobu arbeitete hart für seinen Lebensunterhalt, so auch an jenem Tag, als ein junges, hübsches Mädchen vorbeikam. Er schaute von seiner Arbeit auf und blickte ihr entgegen, wie sie in der prallen Sommerhitze den Weg entlang wankte. Noch während er sich selbst in der kleinen Atempause den Schweiß von der Stirn tupfte, brach sie plötzlich mit einem Seufzen vor seinen Augen zusammen.

Sofort sprang er auf und eilte zu ihr hin.

»Oh nein, was ist mit dir?«, rief Narinobu besorgt. Er tastete ihre Stirn ab und erschrak. »Mit so hohem Fieber kann ich sie nicht liegen lassen.«

Kurzentschlossen nahm er sie auf die Arme, brachte in sein Heim und pflegte sie fürsorglich. Bereits nach wenigen Tagen hatte sich die junge Frau vollkommen erholt, und sie fing an, im Haushalt mitzuhelfen. Doch Narinobu besorgte ihr Einsatz, so dass er zu ihr sagte: »Das ist noch viel zu anstrengend, lass es lieber sein.«

Aus leuchtenden Augen sah sie zu ihm auf und erwiderte freundlich: »Mir geht es dank deiner Fürsorge wieder gut. Lass mich helfen.« Ihr Lächeln steckte ihn an.

So ließ er ihr ihren Willen. Beide arbeiteten von da an Tag für Tag. Doch Narinobu kam nicht umhin, oft im Stillen ihre liebliche Gestalt zu beobachten. Was hatte diese Schönheit nur zu ihm geführt?, dachte er sich immer wieder.

Eines Abends setzte er sich zu ihr.

»Wo kommst du eigentlich her?«, fragte er gerade heraus.

Sie drehte nur leicht den Kopf und mit einem Blick unter langen Wimpern hervor antwortete sie: »Sehr tief aus den Bergen.«

»Und wohin bist du unterwegs?«

Sie schlug die Augen nieder und rutschte nervös auf ihren Knien. Da tat es ihm leid, sie mit seiner Frage bedrängt zu haben. Er wandte sich etwas ab und starrte auf sein Abendessen.

»Alles gut«, stammelte er. »Jeder hat so seine Gründe.«

Das Mädchen schien nachzudenken. In der Stille schweigend nahm Narinobu sein Essen zu sich, vermied es, den Kopf zu heben. Doch dann drückte sie ihre Hände entschlossen in ihren Schoß und schaute auf.

»Ehrlich gesagt habe ich keinen Ort, an den ich gehen kann. Weder habe ich Eltern noch Geschwister.« Sie stockte, holte einmal tief Luft. »Darf ich vielleicht hier bleiben? Ich werde auch jeden Tag tüchtig arbeiten und nicht zur Last fallen.«

Narinobu starrte sie vor Überraschung mit offenem Mund an. Er vergaß sogar zu essen, bis er sich einen sichtlichen Ruck gab.

»Das ist natürlich kein Problem«, brachte er abgehackt heraus. »Aber du weißt, ich lebe allein und kann gar nicht so viel für dich tun.«

Doch das störte die Schöne nicht und so blieb sie bei ihm im Haus. Sie ging fleißig ihrem Tagewerk nach und half, wo sie nur konnte. Dies spornte den jungen Mann ebenfalls an und auch er begann härter zu arbeiten als je zuvor.

Im Dorf machte es schnell die Runde und bald schon kannte jeder das Mädchen. Nicht wenige waren neidisch, denn sie verrichtete nicht nur tüchtig alles, was anstand, sie war zudem auch unglaublich schön. Und so kam es, wie es kommen musste: Narinobu und die junge Frau verliebten sich ineinander.

Es war zur Zeit der Herbsternte, als sie heirateten. Ein prachtvolles Fest wurde abgehalten, bei dem das Liebespaar einander innige Blicke zuwarf.

Da das Mädchen schon bei Narinobu lebte, änderte sich im Alltag der beiden nicht viel. Sie blieben weiterhin stets arbeitsam und so wurde das Leben Stück für Stück einfacher. Viele Dorfbewohner lobten und bewunderten die zwei immer mehr.

Nach gar nicht langer Zeit wurde dem Paar ein Junge geschenkt. Sie wählten den Namen Morime für ihn aus, was so viel wie Waldauge bedeutete. So wurde der Kleine schnell zum neuen Mittelpunkt ihres Lebens. Narinobu war so außer sich vor Freude, dass er vor Energie geradezu strotzte. Bereits früh am Morgen stand er schon munter auf, obwohl es noch dunkel war, und werkelte auf dem Felde, bis die Sonne am Horizont versank.

Die drei verbrachten glückliche Tage miteinander und freuten sich auf jeden neuen Sonnenaufgang. So vergingen einige Tage, bis ein Unglück traf: Der kleine Morime wurde auf einmal krank.

Die Eltern gerieten in tiefe Sorge und Narinobu und seine Frau pflegten ihren Sprössling Tag und Nacht. Es war ein harter Kampf, aber dank der liebevollen Aufopferung des Paares erholte sich Morime und Erleichterung hielt wieder Einzug in das Heim.

Während der ganzen Zeit hatte Narinobu allerdings leider seine Felder vernachlässigt. Darum stand er an diesem Morgen vor dem ungepflegten Land und grübelte. Die anderen Bauern hatten bereits mit der Aussaat angefangen. Wie jedoch sollte er mit seinen verwahrlosten Feldern da nur anfangen?

Um seine Frau nicht zu beunruhigen, sagte er ihr nichts. Stattdessen schuftete Narinobu so schwer er nur konnte. Zwar schaffte er es, alleine das Feld umzugraben und vorzubereiten, allerdings waren zu der Zeit sämtliche Bauern mit ihrer Anpflanzung bereits fertig. Völlig überarbeitet saß er daher am Abend zu Hause und grübelte vor sich hin.

»Ich muss den Reis schnell setzen, sonst wird das nichts mehr. Ob ich morgen alles schaffe?«, murmelte er vor sich hin und bemerkte dabei nicht, wie ihn seine Frau beobachtete, die still in der Ecke bei Morime wachte.

Ein neuer Tag brach an und Narinobu stand früh auf und ging zur Arbeit los. Als er jedoch auf bei den Feldern angekommen war, traute er seinen Augen nicht: Wohin er sah, saßen die Setzlinge im Wasser. Nur gab es ein Problem: Die Reispflanzen steckten kopfüber im Nass.

Über Kopf! Wie kam jemand auf solch einen Unsinn?

Von dem Anblick noch völlig verdattert, lief er nach Hause.

»Was mach ich denn jetzt?« Wiederholend kratzte er sich am Kopf. »Alles ist bestellt, aber falsch herum.«

»Wie? Falsch herum?« Von seinen Worten irritiert kam seine Frau heran und schaute im fragend ins Gesicht.

»Ja, über Kopf, die ganze Saat. Ich frage mich, wer so etwas tut.«

Orientierungslos ging Narinobu noch ein paar Mal auf und ab, bis seine Frau ihm mit lächelnd in den Weg trat.

»Schatz, nimmst du eben mal Morime?«, sagte sie und ehe er sich versah, reichte sie ihm das Baby. Verdattert nahm er den kleinen und ließ den Mund offen stehen. Er kam nicht dazu nachzuhaken denn im nächsten Moment huschte seine Frau zur Tür hinaus. Sie fegte schnell wie der Wind den schmalen Weg entlang und zu den Reisfeldern.

»Was machst du? Wo gehst du hin?«, rief ihr Narinobu nach, doch sie war längst außer Reichweite. Einen Augenblick unschlüssig schaute er umher und lief ihr schließlich hinterher, hielt dabei den kleinen Morime in den Armen.

Seine Frau war bereits weit gelaufen und nahm noch während des Rennens die Gestalt einer weißen Füchsin an. Mit einem Sprung hüpfte diese die letzten Meter hinunter auf die Felder. Dort im aufkommenden Grau der Morgendämmerung stand das Tier und sang:

Die Welt ist gut, meinem Kind will ich zu essen geben.

Ohne inspiziert zu werden, sollt ihr reichlich reifen.

Die Welt ist gut, meinem Kind will ich zu essen geben.

Ohne inspiziert zu werden, sollt ich reichlich reifen.

Und da geschah etwas Wundersames: Wie von Zauberhand zupften sich die Reispflanzen aus der Erde, drehten und steckten sich richtig herum wieder ins Wasser. Während der ganzen Zeit über stand der Fuchs dabei und als die letzte Pflanze sich gewendet hatte, verwandelte er sich zurück in die junge, schöne Frau.

Narinobu war inzwischen hinter ihr angekommen und starrte sie ungläubig an.

»Liebster«, murmelte sie und schaute zu Boden. »Verzeih mir, ich war so glücklich mit dir, doch …« Traurig schüttelte sie den Kopf. »Doch jetzt muss ich in die Berge zurückkehren. Leb wohl, mein Liebster.« Noch einmal betrachtete sie das Kind, das sich in den Armen ihres Mannes allmählich unruhig wand. »Leb wohl, Morime«, flüsterte sie, drehte auf dem Absatz herum und rannte davon.

Während sie lief, löste sich ihr menschlicher Körper auf und die Füchsin sprang zwischen Kudzu-Blättern und -Ranken hinweg, aus denen der Kimono gewoben worden war. Mit einem Sprung erhob sie sich in die Luft und tanzte in Schlaufen am Himmel wie zum Abschied, ehe sie in der Ferne verschwand. Die Pflanzen verweilten als einziges Überbleibsel ihres einstigen Hierseins.

Narinobu und Morime blieben zurück. Der Mann starrte noch lang zum Firmament und sog tief die Abendluft ein.

»Leb wohl … meine Liebste …«, murmelte er sehnsüchtig vor sich hin.

Die Tage zogen ins Land und im Herbst kamen die Beamten zur jährlichen Inspektion der Felder. Bei Narinobu wuchs nicht eine Ähre und so erließ man ihm in diesem Jahr die Abgabe. Doch kaum hatte der Beamte das Dorf wieder verlassen, wuchsen die Pflanzen so schnell, dass sie Narinobu eine reiche Ernte einbrachten. Das war es, was der Fuchs gesungen hatte: »Ohne inspiziert zu werden.«

So stand Narinobu mit seinem Sohn Morime huckepack noch lange an den Reisfeldern und betrachtete dankbar die gut gedeihende Pracht.

Nachwort von Ellen

Über Füchse (japanisch Kitsune (狐, きつね)) gibt es im Japanischen viele Legenden. Sie treten häufig als Formwandler auf, die die Menschen an der Nase herumführen. Um die Verwandlung zu schaffen, legen sie sich ein Blatt auf den Kopf. Auch können sie andere Gegenstände verwandeln. Oftmals werden Nüsse und Steinchen zu Geld; oder Blätter und Ranken zu Kleidung.
Bei »Die Fuchsbraut« bemüht sich die Füchsin jedoch dazuzugehören, obwohl sie eigentlich anders als die Menschen ist. Trotzdem nähert sie sich einem Mann, fängt an bei ihm zu arbeiten, passt sich der dörflichen Gesellschaft an und versucht mit allen Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen etwas für ihre Familie zu tun. Dabei unterläuft ihr ein Fehler, weil sie zu wenig weiß. Doch anstelle es zu vertuschen riskiert sie ihr Glück und behebt den Fauxpas auf der Stelle.
Tatsächlich wird sie auch entdeckt und es folgt ein typischer Moment asiatischer Geschichten: Erkennt man das Fabel- oder Götterwesen, zieht dieses die Konsequenzen und verlässt den Menschen, egal wie stark die Liebe ist. Es führt zu einem stillen, aber schmerzvollen Abschied.

Ich mag unter den vielen Fuchsgeschichten »Die Fuchsbraut« besonders, da hier die Leichtigkeit und das Spielerische der Füchsin sehr schön aufgezeigt wird. Dabei ist die Füchsin liebevoll, wollte nur dazugehören, weil sie sich verliebte, und spielt keine bösen Streiche.

 

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